Kann Gendern Wertschätzung ausdrücken?

Der König schickt seine Wache mit dem Schwert los, um den Angreifer abzuwehren. – Sie haben beim Wort Wache doch hoffentlich nicht an einen Mann gedacht. Schließlich ist Wache ein weibliches Wort: die Wache. Ertappt? Mit diesem Beispiel beginnt die Sprachwissenschaftlerin Alicia Joe den mit Abstand bestrecherchierten Beitrag, den ich je zum Thema Gendern gefunden habe. Die fast 150.000 Likes und über 16.000 Kommentare unter dem Video zeigen, wie sehr die Genderdiskussion die Menschen bewegt. Auch mich – insbesondere als Feelgood Manager.

Künstliche und natürliche Sprachen

Viele Jahre lang habe ich Computer programmiert – mit kalten, gefühllosen, aber dafür absolut eindeutigen und logischen Programmiersprachen. Nicht daß ich mit Programmiersprachen auf Kriegsfuß stand – im Gegenteil. Doch um so mehr schätze ich die Schönheit der warmen, emotionalen, aber auch widerspruchsvollen und nicht immer ganz logischen Sprache, derer wir uns von Mensch zu Mensch bedienen. Widersprüchlich? Nicht ganz logisch? Ja: Das, was den Menschen ausmacht – die gleichzeitige Existenz so gegensätzlicher Dinge wie Logik und Emotionen in ein und derselben Seele – spiegelt sich in der Sprache wider.

Um so unglücklicher fand ich schon den Versuch der Rechtschreibreform vor über 20 Jahren, die gewachsene Sprache mit künstlichen Regeln irgendwie logischer und einfacher zu machen. Das Ergebnis: Manches wurde unlogischer, anderes mißverständlich oder schwerer lesbar. Nur einfacher wurde es nicht. Und es war auch nicht konsequent: Die „Majonäse“ und das „Portmonee“ sollten eingedeutscht werden, nicht aber das „Händi“? Nun ja, nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wurde.

So wichtig menschliche Kommunikation in der Informations- und Wissensgesellschaft ist, so störanfällig ist sie

Jetzt ist es die Gendersprache, die die Gemüter erhitzt. Und sogar Gerichte beschäftigt: So wies jüngst das Landgericht Ingolstadt die Klage eines VW-Managers gegen den Gender-Leitfaden der Audi AG zurück. Den VW-Mann störte es, gegendert angesprochen zu werden. Audi hatte mit einer Unternehmensrichtlinie die Gendersprache eingeführt, um geschlechtliche Vielfalt besser sichtbar zu machen.

Zur Heuchelei verleitet

Anders zu sein als die Mehrheit, kann zu einer psychischen Not für die Betroffenen werden. Das trifft nicht nur auf das Geschlecht zu: Ich kenne solch eine Not in einem anderen Zusammenhang aus eigenem Erleben, und auch viele meiner Coachingkunden berichten davon. Es ist nur fair, daß eine Minderheit von der Mehrheit so angenommen und wertgeschätzt werden will, wie sie ist. Ist es aber fair, daß diese Minderheit der Mehrheit gegen deren Willen eine Sprachregelung aufdrängt, um die eigene psychische Not zu lindern? Kann eine Sprachregelung das überhaupt? Ich bin in der DDR aufgewachsen. Dort gab es auch Sprachregelungen. Das Ergebnis: Heuchelei. Man dachte das eine und sagte das andere. Sprache schafft Realität, das zeigen viele psychologische Studien. Aber Sprachregelungen verleiten zur Heuchelei – und schaffen damit höchstens eine Scheinrealität.

Es gibt noch einen Grund, den Sinn der Gendersprache zu hinterfragen: Vielleicht kennen Sie das Vier-Ohren-Modell der Kommunikation nach Friedemann Schulz von Thun. Danach kann die Äußerung eines Menschen gleichzeitig vier verschiedene Kanäle enthalten:

Den Sachinhalt (die eigentliche Information),
eine Selbstkundgabe (was der Sender von sich zu erkennen gibt),
einen Beziehungshinweis (wie der Sender zum Empfänger steht)
und einen Appell (was der Sender beim Empfänger erreichen will).

Der Sender spricht mit vier Zungen, der Empfänger hört mit vier Ohren. Mindestens drei dieser Kanäle transportieren auch emotionale Inhalte. Wenn da etwas durcheinander gerät, ist Mißverständnissen Tür und Tor geöffnet. Selbst reine Sachinformationen können sich ungewollt emotional aufladen und im Hörer unerwartete Reaktionen provozieren, die wiederum den Sprecher irritieren. So wichtig menschliche Kommunikation in der Informations- und Wissensgesellschaft ist, so störanfällig ist sie.

Die Sprache nicht überladen

Wenn wir nun noch einen fünften Kanal öffnen, nämlich den des sprachlich-formalen Ausdrucks unserer moralisch-korrekten Haltung, dann überladen wir die Kommunikation. Das ist um so unnötiger, da jede Nachricht immer in einem Kontext steht: In der Regel kennen die Kommunikationspartner einander bereits und wissen, wie sie zueinander stehen. Sie haben einander hoffentlich bereits ihre Wertschätzung und die gegenseitige Annahme ausgedrückt. Das muß man nicht nochmals in jedem Satz betonen – es sei denn, der Sprecher hat es aus irgend einem Grund nötig, seine Tugendhaftigkeit zu signalisieren. Aber damit sind wir wieder auf dem Gebiet der Heuchelei.

Etliche Kommentatoren unter dem oben verlinkten Video der Sprachwissenschaftlerin klagen darüber, wie sehr die Gendersprache die Verständlichkeit ohnehin schwieriger Texte – Behördenschreiben, technische Dokumentationen, wissenschaftliche Texte – noch weiter reduziert. Auch der gesprochenen Sprache tun die nicht immer gelingenden „‑innen“-Schlaglöcher oder die umständlich-kraftlosen Partizipalformen nicht gut. Das Gendern lenkt die Aufmerksamkeit der Hörer vom eigentlichen Inhalt der Nachricht immer wieder auf die Geschlechtergerechtigkeit – und die Aufmerksamkeit des Sprechers darauf, bloß nichts falsch zu machen. In einer Zeit, in der die Produktivität der Wissensarbeit von funktionierenden Informationsflüssen und gelingender Kommunikation abhängt, ist das schlicht kontraproduktiv.

Gendern will eigentlich inklusiv sein und die Menschen zusammenbringen – doch es spaltet und schließt Menschen aus

Einen weiteren Grund gegen das Gendern nennen einige Kommentatoren, wie auch die Sprachwissenschaftlerin selbst: Gendern macht die Sprache komplizierter, was es manchen Menschen – Schülern, Nicht-Muttersprachlern, Menschen mit Dyslexie – erschwert, die Sprache zu lernen oder zu benutzen. Auch Textleseprogramme, wie sie Blinde am Computer benutzen, stolpern über die Sternchen oder Striche, die wie eine Wand im Text stehen. Gendern will eigentlich inklusiv sein und die Menschen zusammenbringen – doch es spaltet und schließt Menschen aus. Der Versuch, die einen nicht zu diskriminieren, diskriminiert die anderen – ein typisches Ergebnis eines unbedachten Eingriffs in ein komplexes System, wie es eben auch die menschliche Sprache ist.  

Die sprachwissenschaftliche Sicht

Was sagt denn nun die Sprachwissenschaftlerin Alicia Joe? Sie unterscheidet zunächst das grammatikalische Geschlecht („Genus“) vom biologischen Geschlecht („Sexus“): Die drei grammatikalischen Geschlechter der deutsche Sprache (der Löffel, die Gabel, das Messer) sind recht gleichmäßig in der Sprache verteilt. Dann gibt es Personenbezeichnungen bestimmten Geschlechts (die Mutter, der Vater). Hier stimmen biologisches und grammatikalisches Geschlecht überein. Und schließlich die Personenbezeichnungen unbestimmten Geschlechts (der Gast, die Person, das Mitglied). Ihr grammatikalische Geschlecht hat nichts mit dem biologischen Geschlecht zu tun. Diese Wörter können und müssen nicht gegendert werden – was etwa den öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht davon abhält, es doch zu tun: „Gäst*innen“, „Mitgliederinnen und Mitglieder“…

Den eigentlichen Stein des Anstoßes bilden die movierten Personenbezeichnungen – vor allem Berufsbezeichnungen. Die entstanden zu einer Zeit, als praktisch nur Männer berufstätig waren, und zwar durch das Anhängen der Endung ‑er an die Tätigkeit: lehren – Lehrer, malen – Maler, weben – Weber. Die weibliche Form leitete man durch ein zusätzliches Anhängen der Endung ‑in ab: Lehrer – Lehrerin. Das ist mit Movieren gemeint. Damit entsteht ein sprachliches Ungleichgewicht: Grammatikalisch männliche Berufsbezeichnungen können Männer wie Frauen meinen („generisches Maskulinum“), grammatikalisch weibliche Berufsbezeichnungen meinen nur Frauen.

An diesem Ungleichgewicht entzündet sich die Genderdiskussion. Gut, daß wenigstens die Männer entspannt bleiben: Auch sie könnten sich diskriminiert fühlen, weil es neben der weiblichen Movierung keine männliche wie etwa „Lehrero“ gibt – so die Sprachwissenschaftlerin augenzwinkernd. Doch ebenso könnten sich die Frauen von der weiblichen Movierung diskriminiert fühlen, denn sie sind in einer Zeit entstanden, als die „Lehrerin“ die Frau des Lehrers war, und die „Müllerin“ die Frau des Müllers. Die weibliche Movierung betont damit eine Abhängigkeit der Frau vom Mann. Alicia Joes Vorschlag zur Versöhnung, übrigens auch abgeleitet aus der Sprachpraxis der DDR: Einfach alle weiblichen Movierungen streichen.

Das eigentliche Problem lösen

Wie alles künstliche Herumfeilen an der natürlich gewachsenen Sprache finde ich auch diesen Ansatz unbefriedigend. Auch er verändert die Sprache. Man muß sich umgewöhnen, darauf achten, es richtig zu machen, und es lenkt ab vom eigentlich kommunizierten Inhalt. Ebenfalls nicht anfreunden kann ich mich mit den oft sperrigen, nur scheinbar genderneutralen Partizipalformen, die eigentlich eine sich gerade vollziehende Tätigkeit bezeichnen: Ist der überzeugte Radfahrer auch dann ein „Radfahrender“, wenn sein Fahrrad gerade im Keller steht? Ist der Flüchtling noch auf der Flucht, ist er also ein „Flüchtender“, oder ist er als „Geflüchteter“ schon am Ziel seiner Flucht?

Unserer modernen Welt – auch der Arbeitswelt – mangelt es leider zunehmend an Rücksicht und Respekt

Viele Fragen – keine Lösung. Treten wir einen Schritt zurück: Was ist denn das eigentlich zu lösende Problem? Respekt und Wertschätzung! Das sind Werte, etwas, das als handlungsleitendes Motiv tief im Menschen – oder in der Unternehmenskultur – steckt. Wenn es kein Wert ist, kann man es nicht durch Gendersprache produzieren. Wenn es ein Wert ist, dann spricht man nicht darüber, sondern man lebt es. Das wiederum kann sich auch sprachlich ausdrücken: Für mich war und ist es ein Ausdruck der Wertschätzung den Frauen gegenüber, für deren Berufsbezeichnungen die movierte weibliche Form zu benutzen – auch schon damals in der DDR, wo die Lehrerin noch „Lehrer“ war. Deshalb möchte ich diese Form in unserer Sprache nicht missen.

Bei alledem denke ich immer wieder an Höflichkeit, einen Begriff, der rücksichtsvolles Verhalten als Ausdruck des Respekts vor dem Gegenüber bezeichnet. Und zwar – das muß hier hinzugefügt werden – unabhängig vom Geschlecht. Für manchen mag das altmodisch klingen – die Pflicht des „Herrn“ gegenüber der „Dame“. Für andere mag auch Höflichkeit eine Heuchelei sein. Doch unserer modernen Welt – auch der Arbeitswelt – mangelt es leider zunehmend an Rücksicht und Respekt. Anordnen kann man das nicht, aber vorleben. Und andere damit „anstecken“. Ich habe selbst darüber gestaunt, wie viel Sicherheit im Umgang mit Menschen und Situationen ein zeitgemäßer Knigge-Kurs geben kann. Und wie viel Spaß es macht, anderen stilvoll-zuvorkommend zu begegnen. Und was für erfreute oder dankbare Reaktionen das hervorruft. Solch ein simples Kursangebot im Unternehmen dürfte ebensoviel für die Unternehmenskultur bewirken, wie der gewaltige Aufwand, den Audi für die Einführung der Gendersprache betrieb.


In großer Wertschätzung für Sie, liebe Leserinnen und Leser, in ebenso großer Wertschätzung für unsere schöne Sprache, um die uns so manch anderes Volk beneidet, und im Hinblick auf eine gute Lesbarkeit habe ich mich von Anfang an entschieden, in diesem Blog das generische Maskulinum und die klassische Rechtschreibung zu nutzen.