Nach der Wahl: Was wird aus dem Feelgood Management?

Die Coronazeit hat mir ungewöhnlich viele und intensive Coachingaufträge beschert, so daß ich in den letzten Monaten kaum den Kopf zum Bloggen frei hatte. Doch nun, nach der Bundestagswahl 2021, drängt sich die Frage in den Vordergrund: Wie geht es mit dem Feelgood Management weiter? Oder genauer gefragt: Welchen Platz wird Feelgood Management in einer durch die künftige Politik regulierten Wirtschaft haben?

Zentrale Themen das Wahlkampfes waren – so wie ich es wahrnahm – vor allem Klimapolitik und Digitalisierung. Corona rückte, obwohl wir alle immer noch betroffen sind, in den Hintergrund. Dabei hat gerade Corona die Wirtschaft vor allem durch die Lockdowns weltweit erschüttert und nicht nur die zentrale Stellung des Menschen in der Wertschöpfungskette, sondern auch die Herausforderungen der Komplexität schmerzhaft sichtbar gemacht.

Corona

Corona hat nicht nur die Menschen zermürbt, sondern auch die Wirtschaft. Über lange Zeit etablierte Lieferketten sind gerissen. Sie neu zu knüpfen, ist gar nicht so einfach: Während am Anfang der Kette wieder die Arbeit beginnen kann, ruht sie am Ende noch. Kann sie dort endlich auch beginnen, hat man am Anfang wieder die Arbeit eingestellt, weil man sein Zeug nicht losgeworden ist. Läuft es dann doch halbwegs, dann reicht ein kranker Hafenarbeiter in China, alles wieder zusammenbrechen zu lassen. Die Klagen über den Mangel an Zulieferteilen, nicht nur Halbleiterchips, nehmen zu. Steigende Preise schaffen Planungsunsicherheiten. Das alles reichert Unsicherheit im System an und steigert die Komplexität weiter.

Das alles reichert Unsicherheit im System an und steigert die Komplexität weiter

Störungen bringen komplexe Systeme zum Schwingen. Ich fürchte, dieses Schwingen wird wohl noch lange anhalten und sich vielleicht auch noch weiter aufschaukeln, bevor es wieder nachläßt. Das wird wohl erst gelingen, wenn wir lernen, mit Corona zu leben, und sich die bisher hastig auf Coronazahlen reagierende Politik beruhigt. Werden sich die von all der Unruhe getriebenen Unternehmen auf – langfristige – Investitionen in den Menschen einlassen? Zwei Antworten sind gleichermaßen plausibel, und es dürfte von der Einstellung der Unternehmensführung abhängen, welche gilt. Die geradlinig gedachte Antwort wird lauten: Die Existenz des Unternehmens wackelt, also vermeiden wir jede unnötige Investition. Die resilient gedachte Antwort könnte lauten: Das, was uns in all der Unsicherheit am sichersten durchträgt, ist eine Belegschaft, die sich fürs Unternehmen einsetzt und in der Lage ist, Probleme kreativ zu lösen.

Digitalisierung

In einem Grundlagenartikel über die wenig bekannte Kondratiefftheorie habe ich das zyklische Auf und Ab der Wirtschaft seit Beginn der Industrialisierung beschrieben. Fast jeder Kondratieffzyklus hat sein technologisches Netzwerk geschaffen, die heute alle unentbehrlich sind: Das Schienennetz (Eisenbahn-Kondratieff), das Stromnetz (Elektro-Kondratieff) das Straßennetz (Auto-Kondratieff) und aktuell das Datennetz (Computer-Kondratieff).

Das Internet als solches steht längst, doch beim Zugang mangelt es mancherorts noch. Ein Land mit einem technischen Netzwerk lückenlos zu überziehen, bedarf enormer Investitionen. Möglicherweise fehlte es unserem Land daran, weil wir den Computer-Kondratieff aus Angst vor dem „Arbeitsplatzkiller Computer“ nur zögernd angingen und die einträglichen Geschäfte anderen überließen. Inzwischen macht es uns Effizienzdenken schwer, auch die letzte „Milchkanne“ ans Netz anzuschließen oder weiße Flecken im Mobilfunknetz zu beseitigen. Hier besteht noch Nachholbedarf, der sicher auch politisch angegangen werden sollte.

Es bedeutet noch mehr Schadsoftware-Abwehr, noch mehr Datenschutz-Bürokratie, noch mehr Aufwand, das System aktuell zu halten

Ob aber noch mehr Computer, noch mehr Software, noch mehr künstliche Intelligenz in der Auslaufphase des Computer-Kondratieffs sinnvoll sind, halte ich nicht für eine politische Frage. Es bedarf der Einzelfallbetrachtung. Manches kann einfacher oder billiger werden, wenn man Prozesse digitalisiert. Doch es kann auch noch mehr Streß verursachen. Und es bedeutet noch mehr Schadsoftware-Abwehr, noch mehr Datenschutz-Bürokratie, noch mehr Aufwand, das System aktuell zu halten. Irgendwann lohnt sich das nicht mehr. Richtig teuer wird es, wenn Sicherheitslücken monatelang sperrangelweit offenstehen, einfach weil es an Leuten fehlt, die sich darum kümmern könnten. Die Kondratiefftheorie legt nicht ohne Grund nahe, daß das „nächste große Ding“ der Mensch ist. In ihn zu investieren, steigert zunehmend die Chance auf nachhaltigen Return.

Klimapolitik

Sie macht mir am meisten Sorgen. Denn man diskutiert immer noch den Wissensstand von vor 30 Jahren. Daß die Klimaforschung inzwischen über zwei Dutzend Faktoren kennt, die das Klima beeinflussen, ist kaum bekannt. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse haben es nun mal schwer, das wußte schon der Physiker Max Planck. Wir fokussieren nach wie vor allein auf das CO2 – und überschätzen deshalb seine Wirkung. Doch wie erfolgversprechend ist es, ohne jeden Blick auf andere Faktoren eine über die Jahrhunderte gewachsene Volkswirtschaft binnen weniger Jahrzehnte komplett CO2-neutral zu machen? Was, wenn das Klima uns dann doch keine Ruhe läßt?

„Eine wissenschaftliche Erkenntnis setzt sich nicht deshalb durch, weil die Vertreter des alten Systems überzeugt wurden, sondern weil sie aussterben und eine neue Generation an ihre Stelle tritt, die mit den neuen Gedanken aufgewachsen ist.“
Max Planck

Hier kommt wieder die Komplexität ins Spiel: Obwohl wir das eine komplexe System, das Klima, nur unvollständig verstanden haben, treibt die Politik schon zum Umbau eines anderen komplexen Systems, der Energieversorgung, die sie nur unvollständig versteht. Umgang mit Komplexität bedeutet nun mal weitgehend Handeln im Blindflug. Da bleiben unerwünschte Nebenwirkungen nicht aus: Weil Wind und Sonne nicht so liefern wie geplant, und obendrein Erdgas knapp und teuer wird, befürchtet man nun eine Energiekrise. Schon wieder reißen Lieferketten. Großbritannien erlebt gerade ein absurdes Lehrstück in Komplexität: Man bekämpft das CO2 in der Atmosphäre – und jetzt fehlt es in der Industrie.

Europaweit macht das die lange als unwahrscheinlich eingeschätzte Großkatastrophe eines großflächigen, länger andauernden Stromausfalls wahrscheinlicher. Das europäische Verbundnetz ist dieses Jahr bereits mehrmals knapp an einem Blackout vorbeigeschrammt, zuerst am 8. Januar, zuletzt am 14. August. Ein kollabiertes Netz wieder hochzufahren, ist nicht trivial und kann Tage oder Wochen dauern. Die wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen einer solchen Katastrophe wären dramatisch, denn praktisch die gesamte Daseinsvorsorge hängt direkt oder indirekt vom Strom ab. Hoffen wir, daß die Koalitionsverhandlungen möglichst bald nach der Wahl einer besonnenen Klima- und Energiepolitik Raum schaffen.

Eine Million Sekunden sind knapp 12 Tage, eine Billion Sekunden sind über 30.000 Jahre

Denn auch die Kosten für Energiewende und Dekarbonisierung, wie sie geplant sind, werden wohl in die Billionen gehen. Kaum jemand hat eine Vorstellung über die Größe dieser Summen. Um es mal in Zeiteinheiten umzurechnen: Eine Million Sekunden sind knapp 12 Tage. Eine Billion Sekunden sind über 30.000 Jahre. Das sind keine ökonomischen Zahlen mehr, sondern astronomische. Übertreiben wir es zu weit, dann kann uns alles um die Ohren fliegen. Dann wäre eine gute Unternehmenskultur erst mal bis auf weiteres kein Thema mehr. Der Umgang mit komplexen Systemen braucht Menschen mit Augenmaß, Geduld und der Bereitschaft, getroffene Entscheidungen gegebenenfalls zu revidieren. In Unternehmen kann Feelgood Management dazu beitragen, Leute mit diesen Fähigkeiten in der Belegschaft zu entdecken und zu fördern. Wird es die Politik schaffen?